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24.04.2026

Wohin führt Emmaus?

Illustration von Subham de Hage, unsplash

Emmaus ist nicht nur biblische Geschichte: Es ist unser Alltag. Zwischen Anpassung und Selbstsuche, Spaltung und Sehnsucht nach Orientierung sind wir unterwegs. Denn: Wenn jemand wirklich mitgeht und zuhört, kann aus Zerrissenheit neue Gemeinschaft entstehen.

Wohin führt Emmaus? 

Predigt zum Ostermontag von Präses Michael Wagner

Der gespaltene Mensch

Zwei Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Das klingt nach einer Geschichte von damals. Aber es ist eine Geschichte von heute, von uns, ja, vielmehr von uns allen. In der antiken Literatur war es ein bekanntes Stilmittel, den inneren Zwiespalt eines Menschen darzustellen als äußerliches Gespräch zwischen zwei Figuren. Platon bezeichnet diese Darstellung des Denkens als „das innere Gespräch der Seele mit sich selbst“.

Genau das lässt sich auch hier vermuten. Dann sind die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus nicht als zwei Personen zu verstehen. Vielmehr handelt es sich dann hier, um einen einzigen Menschen. Eine Peron, die innerlich gespalten, ziellos unterwegs ist, tritt mit sich ins Selbstgespräch. Das wäre dann auch kein Bericht über zwei Männer im alten Palästina. Sondern eine bildhafte Inszenierung für das, was in einem Menschen vorgeht, dessen Hoffnungen zerbrochen sind.

Aus dem Alltag ist uns dieses Bild bekannt. Der moderne Mensch steht vor zwei Forderungen, die sich widersprechen, die er aber gleichzeitig erfüllen soll. Mensch sei absolut einmalig. Sei etwas Besonders, unverwechselbar. Sei originell, hebe dich aus der Masse hervor. Und gleichzeitig: Passe dich an, folge dem Mainstream, der Mode, den Trends, dem was ansteht. Und so erscheint ihm die Welt: Von München bis Manila Überall dieselben Spezialmarken wie H&M, Zara, dieselben Fastfoodketten wie McDonald’s, Starbucks.

Globalisierung hat nicht befreit. Sie hat gleichgemacht. Der Kapitalismus gleicht hier fatalerweise dem sowjetischen Sozialismus: Der hat alle Häuser konsequent gleich gebaut, damit der sozialistische Mensch sich überall zu Hause fühlt. Auch eine Shoppingmal gleicht der anderen, in die ich blindlings hineinflanieren kann, ohne den Ablauf des Konsums zu stören.

Sei einfach nur Du, Singulär, einzigartig, zugleich man passe dich an, schwimme mit im Strom, fall bloß nicht aus der Rolle. Das sind zwei gegensätzliche Pole, die von außen auf den Menschen einwirken, die eine innere Spannung erzeugen. Daraus folgt dann: Jeder gegen jeden. Jeder gegen sich selbst. Sei Kreator und Konsument in ein und derselben Person. Diese Spannungen verwischen auch Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit.

Der Gründer von Netflix, einem der führenden Streamingdienste, brachte es einmal unfreiwillig ehrlich auf den Punkt: Unsere eigentliche Konkurrenz ist der Schlaf. Die Ruhe, das Abschalten, die Nacht sind problematisch. Ruhelos durch die Nacht, lautet dann nur noch die Lösung. Entsprechend macht sich der gespaltene Mensch auf den Weg. Weg von Jerusalem. Dem Ort, an dem die Hoffnungen gestorben sind. Den man nicht mehr aushält. Wohin gehen, ist egal. Emmaus ist nirgendwo. Auf keiner Karte zu finden. Emmaus ist überall.

Der Mitgehende

Auf dem Weg nach nirgendwo, gesellt sich ein Unbekannter dazu. Er geht mit. Das ist eine entscheidende Frage der Geschichte: Wer ist es, wer hinzutritt? Denn, wenn Orientierung fehlt, findet sich immer einer, der hinzukommt. Wenn Trauer und Enttäuschung einen antreiben, weg von dem Ort, der wehgetan hat. Da findet sich immer einer, der Antworten parat hat, bevor er gefragt worden ist. Er weiß sofort, wer schuld ist. Er zeigt auf die, die es verbockt haben. Er verspricht dir, „Ich hole das Gestern zurück“. Als wäre das Vergangene besser gewesen, nur weil es vorbei ist. Er lebt von der Trauer der anderen. Ihre Erschöpfung ist sein Lebenselixier. Spaltung schenkt ihm Energie. Orientierungslosigkeit nutzt er, um Wegweiser zu sein. Wer so zu Menschen tritt, tritt nicht zu ihnen auf Augenhöhe, er tritt auf sie wie man auf eine Bühne tritt. Gegen diese Verführung helfen keine Argumente. Sie spricht eine andere Sprache.

Jesus fragt. Was habt ihr erlebt? Das klingt einfach. Es ist radikal. Er hält die Trauer aus, ohne sie zu instrumentalisieren. Er lässt sie aussprechen — alles. Die zerbrochene Hoffnung. Die Enttäuschung. Auch das Gerücht von den Frauen am Grab, das sie nicht glauben konnten. Weder drängt er, noch erklärt er sofort. Er geht einfach des Weges mit. Das ist das älteste Bild von Seelsorge, das wir haben. Mitgehen. Fragen. Aussprechen lassen, was belastet.

Ratschläge sind auch Schläge. Die Antwort ist im Menschen vorhanden. Man muss sie nur freilegen. Erst dann — erst dann — öffnet Jesus die Schriften. Nicht um zu glorifizieren. Nicht um eine große Vergangenheit zu beschwören. Sondern um zu zeigen: Gottes Weg geht immer durch Scheitern hindurch. Das offenbart die gesamte Heilige Schrift, sie erzählt uns keine Heldengeschichten. Besonders die Bücher des Ersten Bundes zeigen auf, was Macht mit Menschen macht, wie sie versagen, verzagen, hin- und hergerissen werden. Sie gehen mit, warnen, zweifeln, ringen.

Dabei erzählen sie von einem Gott, der mit dem Menschen unterwegs ist. Der selbst ein Lernender ist. Auch der Auferstandene drängt sich nicht auf, es scheint, als wolle er weitergehen. Bleibe bei uns — das muss der Mensch selbst sagen. Nicht aus Stärke. Aus Verwundbarkeit. Es will Abend werden. Ich schaffe das nicht alleine.

Das durchbrechende Leben

Alleine muss ich es auch nicht schaffen. Leben sucht sich immer seinen Weg. Ich persönlich habe das so erlebt. Bin ich doch aufgewachsen in Berlin-Wedding direkt an der Mauer. Warf ich meinen Blick aus meinem Zimmer, blickte ich aufs Niemandsland, gestrichen aus den offiziellen Karten der DDR. Mit Stacheldraht abgesperrt, mit feinem Sand gepflegt: Der Todesstreifen. An diesen Ort im Nirgendwo erinnert heute die Gedenkstätte Bernauer Straße. Dort existiert noch jener Streifen Erde, der Menschen ausgrenzte, indem er Wohnhäuser entwohnt hat, die Heimat gegeben haben, der Menschen tötete, die diesen Streifen überwinden wollten.

Als ich vor zwei Wochen mit den Präsides der KAB dort war, um diesen Ort zu besichtigen, erzählte der ehemalige Pfarrer der dortigen Versöhnungsgemeinde davon, dass einmal eine Gruppe indigener Menschen zur Besichtigung da war. Die waren begeistert von dem Ort, sie meinten gar: „Das ist ein heiliger Ort.“ Das berührt mich zutiefst. Der Ort im Niemandsland ist heilig, nicht, weil alles gut war, sondern wegen seines Leidens. Eines Leidens, das durchlitten und durchlebt worden ist. Der Tod wird hier nicht verdrängt, das Leiden nicht schön geredet, die Schmerzen nicht betäubt.

Heute wächst an zwei Stellen des Todesstreifens Roggen. Roggen einfach gesät. Auf dem Boden, den niemand überqueren durfte, wächst Getreide. Die Ernte wird verwendet – für Abendmahlsoblaten, für Brot, für Brötchen. Aus dem Boden des Todesstreifens erwächst eucharistisches Brot! Das Saatgut wird verschickt an Orte politischen Wandels: Kiew, Warschau, Helsinki. Überall dort, wo Menschen wissen, was Ausgrenzung bedeutet. Auf dem Boden, der einst tötete, der Menschen trennte, wächst heute Leben, das vereint. Dieses Roggenfeld ist lebendig, schwankt im Wind. Jedes Jahr gesät von Menschen für Menschen.

Brich das Brot, so vollzieht sich Auferstehung. Brich das Brot, lass es erzählen: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Indem der Auferstandene das Brot bricht, heilt er die Spaltung des Menschen. Der Ort im Nirgendwo, Emmaus, löst sich auf. Es wächst wieder Heimat.

Auferstehung braucht Boden und Zeit, braucht Räume. Heute ist es oft so, dass Menschen 50 € ausgeben müssen, um Gemeinschaft zu erleben. Räume der Gemeinschaft sind fast immer mit Kommerz verbunden. Könnte es uns Christen gelingen, Räume zu schaffen in unseren Gemeinden, die dem Kommerz widersagen? Räume, die zweckfrei vom Unterschied leben? Der Geschäftsführer des ökumenischen Rates Berlin Brandenburg erzählte uns, dass dort 35 Kirchen vertreten sind. Was erzählt eine solche gespaltene Christenheit, der heutigen säkularen Gesellschaft? Die Antwort: Ökumene lernt, Differenz muss ausgehalten, getragen und durchlitten, gelebt werden.

Das Brot, das in 35 Teile gebrochen worden ist, ist doch ein Laib Brot. Spaltung überwinde ich, indem ich Brot breche, so lebe ich Auferstehung. Ich bin einmalig, muss nicht einzigartig sein. Ich gehöre zu einer Gemeinschaft, ohne in ihr aufgehen zu müssen. Ich darf ich bleiben. Du bleibst Du. Ich und Du werden so ein Wir. Das eint die Ökumene in Berlin. Ein Satz, der sie trägt: Gott ist mit uns auf dem Weg.

Emmaus ist überall, heilt meine gespaltene Seele, führt mich nach Hause. Da vollzieht sich Auferstehung. Brennt da nicht das Herz in meiner Brust?



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