Symbolfoto. Quelle: Getty Images/Unsplash+
In der Debatte um Achtstundentag und „Lifestyle-Teilzeit“ warnt der KAB-Landesvorstand vor einer Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit und den Folgen arbeitnehmerfeindlicher Politik. Eine „Zeitenwende der Arbeit“ müsse dem Menschen dienen. Systematische Überlastung sei Ausbeutung und menschenunwürdig.
Debatte um Achtstundentag und „Lifestyle-Teilzeit“
München, 22.03.2026. Nach ihrer Landesversammlung mit anschließendem Jahresempfang positioniert sich die KAB Bayern erneut in der Debatte um Arbeitszeitflexibilisierung. Im Schulterschluss mit den Gewerkschaften tritt der Verband vehement für die Beibehaltung des Achtstundentags und des deutschen Arbeitszeitgesetzes ein – aus christlicher und sozialethischer Überzeugung.
„Die aktuelle ‚Zeitenwende der Arbeit‘ ist für viele Menschen keine abstrakte Entwicklung. Sie ist eine Bedrohung“, erklärt Michael Wagner, Landespräses der KAB Bayern. „Der Arbeitsplatz, der wegfällt. Die Qualifikation, die plötzlich nichts mehr gilt. Das Gefühl, ersetzbar zu sein – durch eine Maschine, durch billigere Arbeitskräfte, durch KI, einen Algorithmus. Das treibt Menschen in die Ohnmacht. Und ohnmächtige Menschen schreien – und wählen womöglich die AfD. Wir erleben die Aufkündigung der Sozialpartnerschaft, den beschleunigten Abbau von Arbeitsplätzen, die Demontage von Tarifrechten, die Diffamierung von Teilzeit als ‚Lifestyle-Faulheit‘. Das kann nicht der Weg sein. Die Frage muss immer sein: Dient das den Menschen? Danach müssen wir die Arbeitswelt gestalten.“
„Durch eine längere Verfügbarkeit für den Arbeitgeber wird sich die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Pflege ganz sicher nicht verbessern“, ergänzt die KAB-Landesvorsitzende Regina Soremba-Böxkes. „Stattdessen müssen wir das gesamte Spektrum menschlicher Arbeit ernsthaft in den Blick nehmen. Pflege, Erziehung, Ehrenamt und Sorgearbeit sind gesellschaftlich äußerst wichtig, werden aber gegenüber der Erwerbsarbeit systematisch abgewertet, weil sie keine Rendite bringen. Das wird sich kaum ändern, wenn Arbeitszeiten nach oben hin flexibilisiert und Menschen auf Kosten ihrer Familie in unterbezahlte Vollzeitjobs gedrängt werden. Wir brauchen eine Stärkung von Kita- und Pflegeberufen. Das ermöglicht insbesondere Frauen das Entkommen aus der Teilzeitfalle und mehr Teilhabe am Arbeitsmarkt.“
„Eine Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit bedeutet zwangsläufig eine Verschlechterung des Gesundheitsschutzes – auch, wenn das anders suggeriert wird“, so Peter Ziegler, Landesvorsitzender der KAB Bayern. „Menschen brauchen planbare Erholungsphasen. Eine systematische Überlastung von Arbeitnehmer:innen ist Ausbeutung und im Kern ein Angriff auf die Menschenwürde. Wer länger arbeitet, ist weniger leistungsfähig, macht mehr Fehler und ist anfälliger für Arbeitsunfälle. Ein Rückschritt in die Zeit vor 1918 hat nichts mit Modernität oder Fortschritt zu tun. Wir gehen deshalb mit den Gewerkschaften in Bayern und sagen: Acht Stunden sind genug – heute und in Zukunft! In Zeiten, in denen die Tarifbindung sinkt, ist das Arbeitszeitgesetz für Millionen Beschäftigte der einzige wirksame Schutz vor Überlastung.“

Luise Clemens von ver.di Bayern gibt auf dem Jahresempfang der KAB Bayern ihr Statement zum Achtstundentag ab. Foto: KAB
Die Landesversammlung der KAB Bayern mit anschließendem Gottesdienst und Jahresempfang fand am Samstag den 21.03.2026 im CVJM-Haus und der nahegelegenen St.-Elisabeth-Kirche in der Münchner Innenstadt statt. Als Experte sprach Dr. Jürgen Schmidt, Leiter des Karl-Marx-Hauses Trier und Fellow am Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA), Berlin. Als Ehrengäste waren die Landtagsabgeordneten Dr. Thomas Huber (CSU), Anton Rittel (Freie Wähler), Johannes Becher (Bündnis 90/Die Grünen) und Katja Weitzel (SPD) sowie Luise Clemens, Landesbezirksleiterin ver.di Bayern, anwesend. Hanne Möller, Diözesanvorsitzende a.D. der KAB München und Freising, wurde vom KAB-Landesvorstand für ihre langjährigen Verdienste für den Verband geehrt. Musikalisch umrahmt wurde der Empfang vom Münchner Gewerkschaftschor „Quergesang“.
Dr. Jürgen Schmidt kritisierte in seinem Vortrag, der heutige Begriff von „Arbeit" sei viel zu sehr auf Erwerbsarbeit verengt. Eine echte „Zeitenwende der Arbeit" bedeute nicht reflexhaft längere Arbeitszeiten, sondern die Anerkennung aller Formen menschlicher Arbeit und ihre flexible, selbstbestimmte Verteilung über das ganze Leben. Damit bestätigte er zentrale KAB-Positionen. Die Verkürzung der Arbeitszeit sei nie ein Geschenk gewesen, so Dr. Jürgen Schmidt weiter – vielmehr habe sie von Gewerkschaften und Arbeiterbewegungen immer neu erstritten werden müssen. Ohne Gegenmacht in der aktuellen Debatte werde die Renditegier also womöglich stärker bleiben. „Das verstehen wir durchaus als Handlungsauftrag“, so der KAB-Landesvorsitzende Peter Ziegler abschließend.

KAB-Landespräses Michael Wagner bei seiner Predigt im Gottesdienst zum Jahresempfang der KAB Bayern. Foto: KAB

KAB-Landesvorsitzender Peter Ziegler, Landespräses Michael Wagner und Landesgeschäftsfüher Alois Nock ehren Hanne Möller. Foto: KAB

Die Ehrengäste stellen sich je nach politischer Position im Raum auf, Landespräses Michael Wagner (ganz links) moderiert. Foto: KAB

Thomas Huber (CSU) und Anton Rittel (Freie Wähler) hängen nicht am Achtstundentag und wollen stattdessen eine wöchentliche Höchstarbeitszeit wie in der EU-Arbeitszeitrichlinie.

Katja Weitzel (am Mikrofon, SPD) und Luise Clemens (ver.di Bayern) wollen für den Achtstundentag kämpfen. Johannes Becher (ganz links, Bündnis 90/Die Grünen) will nicht eindeutig Stellung beziehen und positioniert sich zwischen EU-Arbeitszeitrichtlinie und Achtstundentag. Foto: KAB

Dr. Jürgen Schmidt bei seinem Vortrag zur Geschichte der Arbeit. Foto: KAB

Der Münchner Gewerkschaftschor "Quergesang" sorgte für passende musikalische Impulse. Foto: KAB
260322_KAB-PM-Jahresempfang-Achtstundentag_FINAL.pdf
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