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28.12.2025

Fest der Heiligen Familie: Wer trägt wen?

Alt gegen Jung? Familie als Kostenfaktor? Diese Predigt von Diakon Michael Wagner stellt Fragen und entlarvt falsche Gegensätze. Wer trägt eigentlich wen? Zukunft gelingt nur, wenn wir einander tragen.

Fest der Heiligen Familie: Wer trägt wen?

Sir 3,2-6.12-14 2. Lesung: Kol 3,12-21 Evangelium: Mt 2,13-15.19-23

Die inszenierte Spaltung

Politik lebt von Inszenierung, die manches betont, anderes bewusst verschleiert. Exemplarisch wird das bei der aktuellen Rentendiskussion sichtbar. Dort inszeniert man derzeit einen Generationskonflikt, in dem „Alt" gegen „Jung" in Stellung gebracht wird, um sie gegeneinander auszuspielen. Als wären die Alten eine Last, die die Jungen erdrückt. Als könnten wir uns die Alten nicht mehr leisten, etwa älteren Menschen alle Medikamente zu geben. Und tatsächlich werden bestimmte medizinische Geräte älteren Menschen bereits verweigert. Ihre Laufzeit sei zu kurz, heißt es zynisch.

Das Alter wird brutal entwertet, ein Generationskonflikt in Szene gesetzt, der aber ein bloßes Ablenkungsmanöver ist. Das unterstreichen Ökonomen, wie Maurice Höfgen: In den nächsten Jahrzehnten gehen mehr Menschen in Rente. Zugleich aber sinkt die Zahl der Kinder, die versorgt werden müssen. Die gesamtwirtschaftliche Belastung, rechnet er aus, bleibt ähnlich. Sie verteilt sich nur anders.

Das eigentliche Problem wird verschleiert: In unserer Gesellschaft findet eine systematische Entsolidarisierung statt. Der Kuchen wird nicht kleiner. Er ist groß, sogar riesig. Denn die Produktivität stieg seit 1960 ums 8fache. Das heißt 40 Stunden Arbeit entsprechen 320 Stunden der Arbeit in den 60iger Jahren. Seit 1991 ist das Bruttoinlandsprodukt massiv gewachsen – um über 40 Prozent – Während die Durchschnittslöhne nur um 16 Prozent und Standardrente um 5 Prozent gestiegen sind.

Der Kuchen ist nicht zu klein. Das Problem ist, wie er verteilt wird. Die Kuchenstücke im Profit- und Vermögenseinkommen wachsen üppig, während Löhne und Renten auf Diät gesetzt werden. Und die Rechnung sähe noch einmal anders aus, wenn alle ohne Ausnahme, wie etwa in Österreich seit 2004, in die staatliche Rente einzahlen würden.

Familie wird allein als Kostenfaktor geführt, der reduziert gehört. Folgerichtig strich mit einem Wortbruch sondergleichen die bayerische Staatsregierung das angekündigte Familienstartgeld. Das Geld fließe in die Kitas. Bloß wann? Und wie? Das Dilemma: Das Geld wird für die Kitas nicht genügen, zugleich werden Kitas gegen Familien ausgespielt. Alt gegen Jung. Kinder gegen Alte. Eltern gegen Kindertagesstätten. Wer diese Spaltung inszeniert, verschleiert die wahre Konfliktlinie: die Verteilungsfrage. Nicht Generationen stehen gegeneinander. Sondern die, die vom wachsenden Kuchen immer größere Stücke nehmen und die, die mit immer magereren Krümeln abgespeist werden. 

Der biblische Blick

Wer Solidarität dem Spardiktat opfert, steht im klaren Widerspruch zur katholischen Soziallehre. Zu deren tragenden Säulen gehört die Solidarität. Solidarität bedeutet: Wir sind füreinander verantwortlich. Nicht nach Nützlichkeit. Nicht nach Verwertbarkeit. Sondern weil wir als Menschen aufeinander angewiesen sind.

Die Familie ist der Ort, wo Solidarität zwischen Generationen zuerst gelebt und gelernt wird: Eltern tragen Kinder, Kinder tragen später ihre Eltern. Nicht weil es sich rechnet, sondern weil Menschsein bedeutet: einander zu tragen.

Die katholische Soziallehre widerspricht radikal jeder Logik, die Menschen gegeneinander ausspielt oder nach ihrem ökonomischen Nutzen bemisst. Wenn Generationen gegeneinander ausgespielt werden, wird das Fundament dessen zerstört, was Gesellschaft zusammenhält. Die heutigen Texte der Heiligen Schrift folgen dementsprechend auch nicht dem Duktus der Spaltung, sondern fragen fundamental: Wer trägt wen?

Das Buch Jesus Sirach stellt das Elterngebot an den Anfang aller Gebote, die das Mitmenschliche betreffen. Direkt nach den Geboten, die Gott selbst ehren. Diese exponierte Stellung unterstreicht die grundlegende Frage: Wer trägt wen? Kinder werden getragen von ihren Eltern, jahrelang, bedingungslos. Dann trägt die mittlere Generation: sich selbst, die Kinder, die Arbeitswelt und die Eltern. Sirach warnt: Gerade in Zeiten der Not, wenn es ums eigene Überleben geht, ist die Versuchung groß, alte Eltern als Last zu empfinden. Deshalb seine scharfen Worte: Die Sorge für die Eltern führt zur Vergebung der Sünden, mangelnde Sorge führt zum Fluch. Sirach steigert die Ehrfurcht vor den Eltern in die religiöse Dimension: Wer liebt, schenkt Leben, gibt sich hin.

Ebenso tut es Gott. Matthäus macht das sehr deutlich. Josef trägt das Kind nach Ägypten, rettet es vor Herodes. Niemand rechnet, lohnt sich das? Nein, die Familie trägt einander bedingungslos durch Verfolgung, Flucht und Exil. Das Kind Jesus muss selber gerettet werden, um zum Retter werden zu können. Die Heilige Familie wird zum Zeichen: Hier wird nicht gerechnet. Hier wird getragen. Bedingungslos. Retten, um gerettet zu werden. Tragen, um getragen zu werden.

Infolge dieser biblischen Grundlage formuliert das 2. Vatikanische Konzil in seiner Konstitution zur Pastoral, Gaudium et Spes 52, seine Sichtweise der Familie: „So ist die Familie, in der verschiedene Generationen zusammenleben und sich gegenseitig helfen, um zu größerer Weisheit zu gelangen und die Rechte der einzelnen Personen mit den anderen Notwendigkeiten des gesellschaftlichen Lebens zu vereinbaren, das Fundament der Gesellschaft."

Der Widerspruch

Ganz in diesem Sinne sieht es auch das Verfassungsrecht in Artikel 6 unseres Grundgesetzes: Familie ist die Keimzelle des Staates. Besonders geschützt. Fundamental bedeutend. Dabei ist zu beachten, dass Familien ohne Staat leben können, der Staat aber ohne Familien nicht überlebensfähig ist. Diese Erkenntnis formulierte der Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde folgendermaßen: Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Familien sind diese Voraussetzung. Politik und Wirtschaft brauchen gereifte Persönlichkeiten.

In Familien lernen Kinder Frustrationen zu ertragen, Geduld und Ausdauer aufzubringen, Konflikte zu klären. Hier entwickeln sie ethische Urteilsfähigkeit. Werte werden vorgelebt. Was Familien hier vorleben können Kindergärten und Schulen kaum nachholen, sie können nur darauf aufbauen. Wer in Kinder investiert, baut Zukunft auf. Wer in Familien investiert, schafft die Voraussetzungen dafür, dass ein Staatswesen gedeiht.

Der Widerspruch: Der Staat behandelt seine eigene Lebensgrundlage als Kostenfaktor. Die neoliberale Wirtschaftsdoktrin blendet vollständig aus, dass sie vom Menschen lebt und dem Menschen zu dienen hat. Fällt der Mensch weg, stirbt Wirtschaft. Man stelle sich vor: Einem Motor würde das Öl vorenthalten werden. Einem Garten das Wasser. Einer Lunge die Luft zum Leben.

Wenn Familien nicht die Luft zum Leben haben, erstickt auch die Arbeit. Eine Personalchefin einer Klinik erzählt mir immer wieder, dass sie Absagen von Pflegekräften erhält. Denen gelingt es aufgrund des Schichtdienstes nicht, die Betreuung der Kinder zu gewährleisten. Da klagen Politik und Wirtschaft über Fachkräftemangel, verhindern aber zugleich, dass diese ihr Privatleben zum Wohle der Kinder organisieren können. Im vernünftigen Interesse einer gesunden Volkswirtschaft müssten Beschäftigte Beruf und Familie gut vereinbaren können. Wer Fachkräfte und Familie fordert, muss auch fördern. 

Die Aussagen einer Margaret Thatcher, es gebe keine Gesellschaft, es gebe nur Individuen, sind vom Ansatz völlig verfehlt. Individuen leben beziehungslos und richten ihr Leben nur nach ihren Bedürfnissen aus. Der Mensch aber ist kein Individuum. Der Mensch ist Person – somit immer Gemeinschaftswesen. Der Mensch ist keine Ich-AG. Er ist eine Wir-Unternehmung. Bricht dieses Wir auseinander, brechen Wertsysteme weg. Übrig bleibt nur Kommerz, Spaß und Unterhaltung.

Politiker beklagen zurecht, dass kirchliche Jugendarbeit wegbricht, weil dort Werte erfahren werden, die dazu führen, eines Tages selbst fürs Gemeinwohl einzutreten. Aber hier hilft weder Klagen noch Lamentieren. Die Lösung liegt allein darin, den inszenierten Generationskonflikt zu entlarven. Das eigentliche Vermögen eines Staates bilden die Familien, denn ein Staat ist nur so stark wie seine Familien.

Jesus rettet, weil er gerettet wurde. Eine Gesellschaft rettet Familien, indem sie auch Familien am großen Kuchen gerecht teilhaben lässt. Sind wir bereit, einander zu tragen? Koste es auch, was es wolle?



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