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28.01.2022

Der leere Stuhl

Leerer Stuhl im Rampenlicht. Bild: Allec Gomes/unsplash.com

Zur Übergabe des Missbrauchsgutachtens am 20.01.2022 war der Erzbischof von München und Freising nicht anwesend. Die Amtschefin und der Generalvikar nahmen das Gutachten in Empfang. Am Nachmittag gab der Erzbischof ein eigenes kurzes Pressestatement ab. Fragen waren nicht zugelassen. Gedanken dazu von Diakon Michael Wagner, KAB Diözesanpräses.

 

Der leere Stuhl.

Sedisvakanz der aus dem Amt erwachsenden personellen Pflicht.

Es offenbart sich organisierte Verantwortungslosigkeit.

Schützt Unwissenheit vor Strafe?

Parallelgesellschaft, staatlich geschützt.

 

Die Frau hält das gewichtige Gutachten.

Der Kleriker steht mit hängenden Armen daneben.

Es folgt ritualisierte Betroffenheitsrhetorik.

Schweigen an falscher Stelle.

Stattdessen folgen Worte,

Phrasen werden gedroschen.

Entschuldigung ist kein Verzeihen,

keine Reue.

Was, wenn nicht verziehen werden kann?

 

Doch wann folgen Taten?

Keine Fragen zugelassen,

Antworten werden gegeben,

wenn es den unverantwortlich Verantwortlichen passt?

Stattdessen Abgang von der Bühne,

Verfehlter Abtritt?

Dafür Abtreten ins „business als usual“,

der Alltag lässt Gras wachsen.

Ach ja, Zeit heile ja Wunden.

 

Bei der Diakonenweihe spricht der Bischof,

der Diener des Wortes:

Empfange das Evangelium Jesu Christi.

Zu seiner Verkündigung bist du bestellt.

Was du liest,

erfasse im Glauben.

Was du glaubst,

verkünde.

Was du verkündest,

das lebe.

 

Der Diener des Wortes ist ein lesender,

ein hörender,

einer, der wahrnimmt.

„Barmherzigkeit will ich“.

ein Zuwenden zu den Leidenden.

 

Komplizenschaft,

einer fängt den andern ein,

zieht ihn mit,

lässt sich in den strudelnden Sumpf hinabreißen.

 

Mitwisserschaft, Strafvereitelung.

Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.

„Der Diener der Wahrheit“.

Er, der gestern gegen den Relativismus der Zeit wetterte,

heute relativiert er die Wahrheit.

 

Unerfahrene 21 Jahre war ich.

Da begegnete mir eine vom Vater missbrauchte Freundin.

Missbrauchte Menschen sind nicht allein.

Jedes Opfer hat ein Umfeld,

das mitträgt,

mitleidet,

reagieren muss.

Das Opfer, wie ein nahestehender Mensch,

der Leiden sieht,

Schmerz selber spürt.

 

Missbrauch zieht Kreise,

lässt niemanden los,

begleitet stetig still sowie schrill.

Ungeliebte Liebe,

ungelebtes Leben,

beziehungslose Beziehungen…

 

All das rührt sich in mir,

wenn ich an die Menschen denke,

die mir vertrauend den Weg geteilt haben.

All das gebiert Zweifel:

Treue und Gehorsam versprochen denen,

die nicht dem Evangelium und der Offenbarung treu und gehorsam waren?

Wie halten all die Frauen und Männer das aus,

die zum Dienst am Evangelium bestellt sind.

Den Dienst an der Kirche,

nur noch schwerlich zu vollziehen.

Weitere Informationen

Am 25.01.2022 hat der KAB Diözesanverband München und Freising in einer Pressemitteilung zur Vorstellung des Missbrauchsgutachtens am 20.01.2022 Stellung genommen. Diese Pressemitteilung finden Sie hier.



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