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02.03.2021

1.700 Jahre Sonntag. Keine Opfer will ich, Freiheit will ich!

Kein Gold der Welt wiegt den Verlust für uns alle auf, wenn der Sonntag geopfert wird. Schon gar nicht die Gewinninteressen großer Handelsunternehmen. Und Gott möchte ohnehin keine Opfer von uns. Predigt von KAB-Diözesanpräses Michael Wagner.

Die Predigt basiert auf den Lesungen des Zweiten Fastensonntags: Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18 und Mk 9, 2-10. Mit Klick auf die Links können Sie die betreffenden Stellen nachlesen. Sie wurde anlässlich der Feier „1.700 Jahre freier Sonntag“ gehalten: in der KAB Altenmarkt, St. Margareta (Baumburg) am 27.02.2021 und in der KAB Moosach, St. Martin am 28.02.2021.

Das Opfer und das erwünschte Gut

„Wir müssen Opfer bringen!“ Dieser Ruf erschallt dann, wenn es darum geht, etwas abzuschaffen, um etwas Anderes zu erhalten. Diesen Ruf werden wir zukünftig öfter zu hören bekommen. Denn kaum wird über Lockerungen des Lockdowns diskutiert, fordert eine wachsende Anzahl von Verantwortlichen aus Politik, Handel und Wirtschaft immer lauter: Der Sonntag muss geopfert werden, damit die Umsatzeinbußen des Handels wieder eingenommen werden können.

Wenn ich ein Opfer bringe, dann muss der Wert meines Opfers aber auch das aufwiegen, was ich als Gegenwert dazu erhalte. Abraham wollte gar seinen eigenen Sohn opfern, weil er als Gegenwert Gottes Schutz erhoffte. Abrahams Einsatz war sehr hoch. Den Sonntag zu opfern, ist ebenfalls ein sehr hoher Einsatz. Von daher lohnt es sich genau hinzublicken auf das, was da als Gegenwert erwartet wird.

Wenn wir den Sonntag opfern, dann opfern wir den mittelständischen Einzelhandel. Er ist nur sehr schwer in der Lage dazu, das Verkaufspersonal zur Verfügung zu stellen, um die längeren Öffnungszeiten zu stemmen. Wo sonntags geöffnet ist, stirbt der Buchladen um die Ecke, der Tante-Emma-Laden in der Straße.

Gewinner werden die sein, die sich schon im Lockdown als Gewinner präsentieren: die großen Handelsketten, die Filialisten, die Lebensmitteldiscounter. Während der Einzelhandel einbricht, verzeichnen sie erhebliche Gewinnzuwächse.

Getoppt wird das noch durch den Onlinehandel. Amazon wartet ungeduldig darauf, dass der freie Sonntag geopfert wird. Denn fällt der Sonntag, fällt auch das Auslieferungsverbot. Zwar kann ich am Sonntag bei Amazon bestellen, aber die Waren werden nicht ausgeliefert. Das will Amazon ändern. Aber den Sonntag zu opfern, schafft Amazon nicht aus eigener Kraft. Der Gigant braucht Unterstützung. So ist er Mitglied im Einzelhandelsverband geworden. Amazon verhält sich wie ein trojanisches Pferd. Es unterstützt den Einzelhandel dabei, den Sonntag zu fällen. Wenn das geschehen ist, wird es sich nicht mehr um deren Belange scheren. Das Ziel ist einzig und allein, die Marktherrschaft zu übernehmen.

Ist das also das Gut, das wir ersehnen:  Einen weiteren Niedergang des Mittelstandes, sterbende Vielfalt an Geschäften, verödete Innenstädte, weil sich Handelsketten immer mehr ausbreiten? Wollen wir den weiteren Vormarsch der Plattformmonopolisten? Ist das der Preis, den unsere Gesellschaft bereit ist zu zahlen, um den Sonntag zu opfern?

Anteilhabe an Gottes Wesen

Es erscheint ein Treppenwitz der Geschichte zu sein, dass der Sonntag in dem Jahr geopfert werden soll, in dem er sein 1.700-jähriges Jubiläum feiert. Aber zur Geschichte des Sonntages, wie auch des Sabbats gehört dazu, dass er von Anfang an gefährdet war. Die Bibel würde ansonsten nicht so oft erwähnen, wie wichtig es ist, den Sabbat zu heiligen.

Wer den Sonntag opfert, opfert wichtige Dimensionen göttlichen und menschlichen Lebens. Der Sabbat und Sonntag offenbaren uns, wer Gott ist, wie er ist, was er will. Abraham gegenüber beweist Gott: Er will kein Opfer. Gott will die Freiheit des Menschen. Die große Geschichte der Freiheit beginnt mit dem Exodus, dem Auszug der Israeliten aus Ägypten. Für das Alte Testament vollendet er sich am Berg Sinai. Gott verkündet den Sabbat, verheißt seinem Volk Freiheit.

Die Erzählung vom Exodus enthält eine ungeheure revolutionäre Sprengkraft. Die Israeliten waren Sklaven in Ägypten. Sie mussten Fronarbeit vollrichten. Der Unfreie war in der Antike dazu bestimmt, zu arbeiten. So hielten sich die Götter entweder Untergötter, die für sie schuften mussten oder menschliche Sklaven.

Was ist das für ein Gott, der im Schöpfungsbericht selber Hand anlegt, der arbeitet, der schafft? Seine Arbeit hat Gott nicht delegiert, sondern selber verrichtet. Damit erhält menschliche Arbeit göttliche Würde. Wer arbeitet, der arbeitet mit Gott, hat Teil an seiner Schöpfungskraft. Wer den Sonntag opfert, opfert die Würde menschlicher Arbeit.

In der Antike war es ebenso gang und gäbe, dass nur Götter frei hatten und ruhten. Es war der Adel der Antike, der Zeit hatte für Muße, Demokratie, Philosophie und so fort. Ruhe ist eine Wesenszug Gottes. „Ihr werdet nicht in meine Ruhe kommen“, heißt es in Psalm 95. Wer in die Ruhe kommt, betritt göttliches Terrain. Wer ruht, hat Anteil an Gott. Wer ruht, der findet zu sich selber. Wer bin ich? Was zeichnet mich aus? Wohin will ich weiter?

„In der Ruhe liegt die Kraft“, weiß der Volksmund zu berichten. Wen wundert’s, dass der Mensch pausenlos zum Konsum animiert werden soll. Wer nur noch kauft, kommt nicht mehr zu sich selbst. Wer nur im Konsum sein Heil sucht, opfert seine Arbeitsleben, nur um am Konsum teilnehmen zu können.

Wer ruht, könnte entdecken, dass das, was er als Mensch wirklich benötigt, nicht kaufen kann: Liebe und Nähe, Zuwendung, Freundschaft, Beziehung. Um all das zu erhalten braucht es Ruhe, Zeit, die ich nicht verzwecke, sondern einfach genießen kann.

Wer den Sonntag opfert, der opfert den Zugriff auf seine Lebenszeit. Der gerät aus dem Takt, dessen Lebensrhythmus wird beherrscht. Zeit benötige ich, um bei der Familie sein zu können, um sie mit Freunden zu teilen. Bei der Mutter sein, bei Freunden sein, sich solidarisch zusammenraufen, das ist das, was die Bibel unter wahrer Freiheit versteht.

Erhalten, was 1700 Jahre erfolgreich währte

Wer den Sonntag opfert, opfert nicht nur eine 1700-jährige Tradition, der opfert wesentliche Elemente, die den Menschen zum Menschen machen.

Wer den Sonntag opfert, opfert die Vorstellung eines Gottes, der nicht Opfer verlangt, sondern dem Menschen Anteil schenken will. Anteil an sich selbst, seiner Würde, seiner Freiheit.

Wer den Sonntag opfert, der zerstört das Ziel des Menschen. Denn der Sonntag lässt uns eine Ahnung bekommen, von dem, was das wahre Ziel von uns Menschen ist, was uns erwartet. Die große Freiheitsgeschichte des Exodus endet nämlich im zweiten Schritt bei Jesus. Er geht hinauf auf den Berg, wo seine Verherrlichung aufstrahlt. Es sei die einzige Stelle im Evangelium, so meinen manche Ausleger, an der Jesus wahrhaft glücklich ist. Und sie haben sicher Recht damit. Denn hier strahlt Jesu Wesen jenes Glück aus, eins mit dem Vater zu sein, in Freiheit zu leuchten, die Würde des Menschen zum Glänzen zu bringen.

Die Sonntagsallianz, in der sich die Gewerkschaft ver.di, die evangelische Kirche mit dem kda und die katholische Kirche mit der Betriebsseelsorge und der KAB zum Bündnis vereinen, gehört bislang zu der erfolgreichsten Unternehmung ihrer Art. In mehr als hundert Gerichtsverfahren hat die Allianz den Erhalt des Sonntags erstritten.

Liebe Frauen und Männer der KAB, liebe Schwestern und Brüder, setzten Sie sich bitte mit dafür ein, dass eine 1700-jährige Tradition der Freiheit, der Würde, der Solidarität nicht jäh beendet wird.

Kein Gold der Welt, keine schnellen Gewinnversprechen wiegen den Verlust auf, den jeder Mensch und unsere Gesellschaft erleiden werden, wenn der Sonntag geopfert wird.

Hierfür segne Gott unsere Arbeit!

Gott segne sie!

Amen.



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