Eine junge, schwangere Frau aus Nazareth singt, was noch nicht sichtbar ist: Ausgehend vom Magnifikat deutet Michael Wagner bei der Bründlwallfahrt der KAB Haimhausen unsere Zeit – zwischen 43,8 Prozent für die AfD und einer Kinderärztin vor dem Kanzler.
Predigt von Diakon Michael Wagner anlässlich der Bründlwallfahrt der KAB Haimhausen; Lk 1, 39-56
43,8 Prozent. Mehr als doppelt so viel wie vor fünf Jahren. Das beste Ergebnis, das die AfD je bei einer Landtagswahl in Deutschland erreicht hat. Was hier sichtbar wird, ist mehr als ein Denkzettel. Es ist der Anfang eines Systemsturzes. Seit über zwanzig Jahren wächst die Entfremdung vieler Ostdeutscher von der Bundespolitik. Sie sagen den etablierten Parteien nicht nur: Ich bin unzufrieden. Sondern: Ich will mit dir gar nichts mehr zu tun haben. Interessanterweise geht es dabei kaum um Migration. Sie ist lediglich ein Ventil, das den eigentlichen Konflikt nur verlagert. Die Ursache liegt in der eigenen wirtschaftlichen Lage.
Sachsen-Anhalt ist das ärmste Bundesland Deutschlands: viele wissen nicht, wie sie den Monat überstehen sollen. Fast zwei Drittel der AfD-Wähler schätzen ihre finanzielle Situation als schlecht ein. Die Angst angesichts der eigenen sozialen Lage lässt die Menschen nach rechts rücken. Paradox daran ist: Menschen wählen in ihrer Angst eine Partei, die ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen gar nicht bedient – im Gegenteil.
Die Wahl wird nicht rational entschieden, sondern emotional. Die Soziologie hat dafür einen Namen: „Zerstörungslust". Erich Fromm hat schon 1941 ihre psychologischen Wurzeln beschrieben. Wer sich durch Not und äußere Zwänge der Kontrolle über sein Leben beraubt fühlt, findet paradoxerweise einen Weg zurück zur Handlungsfähigkeit: die Welt zerstören, die ihm die Luft nimmt.
Als Berliner habe ich die Wendezeit persönlich erlebt. Ostdeutsche haben über Jahrzehnte erfahren, dass ihre Lebensrealität in Westdeutschland keine Rolle spielte. Führungspositionen wurden durchweg von Westdeutschen besetzt, selbst in der Rentenkommission der Bundesregierung saß kein einziger Mensch mit ostdeutscher Biografie. Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist für mich keineswegs überraschend. Innerlich haben schon viele ihre Kündigung ausgesprochen, der Wahlschein diente als Kündigungsschreiben.
Dass ich versuche, dieses Verhalten zu verstehen, ist keine Entschuldigung für das Wahlergebnis. Wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Lebensweise die Würde abspricht, bleibt verantwortlich für das, was er wählt. Aber wer nur über Rechtsextremismus spricht und über die jahrzehntelange Erfahrung des Nicht-gesehen-Werdens schweigt, erfasst nicht das Ganze. Und ignoriert damit Papst Franziskus' Mahnung: Die Krise der Arbeit führt zur Krise der Demokratie.
Sachsen-Anhalt ist ein Symptom, das drastisch, konzentriert eine Gefahr zeigt, die überall latent lauert. Die AfD ist im Osten nicht zufällig nach den Hartz-IV-Reformen gewachsen. Dort, wo Löhne und Renten bis heute unter dem Bundesdurchschnitt liegen, wuchs die Wut am längsten und zähesten nach. Aber auch in Bayern lauert verdeckte Armut: Menschen, die sich schämen, dass sie kaum über die Runden kommen, und die deshalb nicht darüber sprechen.
Während der Sozialstaat, der im internationalen Vergleich weder überladen noch zu teuer ist, zu Tode reformiert wird, erleben wir andernorts, wie mit denen gesprochen wird, die genau das benennen. Deshalb ist es kein Randdetail, wenn eine Kinderärztin, die täglich mit den Folgen der Kürzungen konfrontiert ist, dem Kanzler gegenübersitzt und sagt: Mit diesen Kürzungen brechen Sie Ihren Amtseid. Seine Antwort: Sie sei eine Nutznießerin des Systems. Sie kennt die Not. Er kennt sie nicht. Genau das macht den Unterschied. Er legt eine Haltung an den Tag, die zeigt, wie wenig manche in der Politik bereit sind, den Blick von unten überhaupt noch auszuhalten.
Ganz anders verfährt der biblische Gott. Er erwählt auffälligerweise niemanden aus den Reihen der Reichen und Mächtigen, um sein Werk zu vollbringen. Kein Hohepriester, kein Kaiser, kein Gelehrter. Ein junges Mädchen aus Nazareth. Hirten auf dem Feld. Paulus bringt es auf den Punkt: Gott erwählt weder die Weisen, noch die die Mächtigen oder die Vornehmen (Vgl. 1 Kor 1,26-29).
Das ist eine Methode Gottes: Wer die Not nie am eigenen Leib erfahren hat, gerät leichter in Gefahr, sich von Macht und Geld korrumpieren zu lassen. Nicht weil er böser wäre, sondern weil ihm die Erfahrung fehlt, aus der Mitgefühl erst wächst.
Es widerspricht dem christlichen Menschenbild, die Würde des Menschen zu koppeln an seiner Nützlichkeit und Verwertbarkeit. Das degradiert die Person zum Mittel. Das geschieht nicht nur in Ostdeutschland. Das vollzieht sich in jeder Talkshow, jeder Sparrunde, jedem Amt, in dem aus Menschen Kostenfaktoren werden.
Der eigentliche Grund, warum dem Sozialstaat die Mittel entzogen werden, liegt darin, dass dessen Mittel in die Aufrüstung fließen müssen. Das Soziale geht runter, weil die Rüstung raufgeht. Ein weltweites Vorgehen. Hierzu findet Papst Leo klare, mahnende Worte. Er kritisiert eine Aufrüstung, die als Verteidigung bezeichnet wird, obwohl sie die internationalen Spannungen vergrößert. Er warnt vor einer Industrieelite, die sich im Hintergrund bereichert und der das Gemeinwohl gleichgültig ist.
Leo sieht hier eine Vergiftung der Vernunft. Vergiftung. Nicht Verlust. Es fehlt der Vernunft nicht etwas. Vielmehr dringt etwas in sie ein, das sie zersetzt. Ganz ähnlich wie die Lust auf Zerstörung. Die Vergiftung der Vernunft und die Zerstörungslust entspringen derselben Wurzel: der eine sucht Sicherheit, indem er ein System zertrümmert, der andere wertet sich auf, indem er andere abwertet, der dritte fühlt sich sicher, indem er Waffen anhäuft, um abzuschrecken.
Das alles sind Fluchtreaktionen einer Vernunft, die sich selbst nicht mehr gehört, von der Weltpolitik bis in jedes Gespräch am Küchentisch, bis in jede Talkshow, in der eine Ärztin zur Nutznießerin erklärt wird. Auch hier gibt es wieder eine Paradoxie: Vernunft lässt sich kaum durch Vernunft entgiften. Einzig das Herz ist in der Lage, die Vernunft zu entgiften.
Wie das Herz die Vernunft entgiftet, wenn sich beide im Einklang befinden, davon erzählt das Evangelium. Die Erfahrung von heute, nicht gesehen, nicht gehört, nicht ernst genommen zu werden, teilt Maria. Maria, eine junge Frau, schwanger, arm, aus einem besetzten Land, begegnet ihrer Cousine und fängt an zu singen. Sie singt, wovon ihr Herz voll ist. Weder leise noch fromm im kleinen Sinn:
Er stürzt die Mächtigen vom Thron.
Er erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er.
Die Reichen lässt er leer ausgehen.
Um Maria herum hat sich nichts verändert. Die Römer herrschen weiter, ihr Volk bleibt geteilt, gedemütigt, nicht gesehen von denen, die über es entscheiden. Genau wie im Sachsen-Anhalt dieser Woche hat sich draußen nichts gebessert. Aber entscheidend ist, in ihr hat sich alles verändert. Das macht sie fähig zu sehen, was noch nicht sichtbar ist: Gott fängt gerade dort an, wo die Mächtigen nicht hinschauen.
Josef Kardinal Cardijn, der Begründer der CAJ, der christlichen Arbeiterjugend, gelangte in seinem Kampf um die Befreiung der Arbeiterschaft zur Erkenntnis: Eine äußere Revolution allein reiche nicht aus: Es braucht zugleich eine innere Revolution, die den Menschen zum Menschen erhebt. Genau das vollzieht Maria. Ihr Herz löst die Vergiftung der Vernunft nicht durch Gegen-Rationalität, sondern durch diese innere Revolution. Und diese Revolution zielt nicht auf Zerstörung, sondern auf Wiederherstellung. Und genau das bedeutet ja das Wort Revolution, einen ursprünglichen Zustand wieder herzustellen.
Wer das Magnifikat nur als Kampflied gegen „die da oben" hört, versteht es nur zur Hälfte. Maria besingt die Wiederherstellung der Ordnung, die Gott sich für seine Welt wünscht. Einer Ordnung, in der Würde nicht verhandelt, Hunger nicht verwaltet und Macht nicht missbraucht wird. Und sie gibt dem Menschen die Verantwortung, daran mitzuwirken, gemäß Gottes Willen, nicht gegen ihn.
Eben diesen Gedanken nimmt Papst Leo in seiner Enzyklika Magnifica Humanitas auf: Maria ist die Frau des Magnifikat. In ihr offenbart sich, was Würde ist, wenn man sie nicht verhandeln lässt. Maria weiß sich als Geschenk zu verstehen. Das macht ihre Würde aus. Das ist die Spur, in der wir miteinander gehen sollen.
Der Rosenkranz, den wir gebetet haben, verschloss uns nicht die Augen vor dem, was in unserem Land geschieht. Die Gesätze führen in unser Herz und zeigen uns: Der Mensch ist nicht das, was eine Wahlnacht oder ein Politiker über ihn sagt. Der Mensch ist, was Gott über ihn gesagt hat: groß. Großartig. Der Mensch ist Geschenk Gottes. Seine Würde und Freiheit entfaltet er im Zusammenleben mit seinen Mitmenschen, nicht indem er seine Vernunft vergiftet, sondern indem er sein Handeln entwaffnet.
Die Frau des Magnifikat vermag unsere Schritte zu begleiten, mitten hinein in unseren Alltag, in unsere Sorgen und Ängste. Sie ist uns ein Vorbild so zu handeln, wie es Cardijn gefordert hat: Sucht „keine negative Lösung", nehmt „keine Anti-Haltung" ein, „sondern eine positive, konstruktive Lösung. Um die Finsternis zu vertreiben, muss das Licht angezündet werden: das Licht der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Menschenwürde."
Ganz klar hebt Cardijn hervor: „Arbeiter sind keine Maschinen, keine Arbeitstiere, keine Sklaven. Sie sind Söhne, Mitarbeiter und Erben Gottes." Als Getaufte und als Frauen und Männer der KAB sind wir alle Erben und Mitarbeiter Gottes. Folglich stellt uns Leo vor die Wahl: die Welt zu zerstören oder mitzuwirken an dem, was wiederhergestellt werden soll – einander zum Brudermörder zu werden oder einander geschwisterlich ein Leben in Fülle zu ermöglichen.
Leo spricht uns hierzu Mut zu: Dazu ermutigt Papst Leo: Gebt Zeugnis von der Schönheit einer großartigen Menschheit:
Würde lässt sich nicht kürzen. Wer schweigt, kürzt mit. Würde braucht den Sozialstaat. Würde fordert unseren Einsatz.
Gott segne die christliche Arbeit!
Gott segne sie!
Amen.
Bilder von der Bründlwallfahrt der KAB Haimhausen
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